Arzneimittelüberwachung und Gesundheitsförderung – am Beispiel des illegalen Arzneimittelhandels

April 2010

von Udo Puteanus

 

Das Internet hat sich inzwischen neben seinen vielen Vorteilen auch zu einer Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung entwickelt, nämlich immer dann, wenn dubiose Arzneimittel oder arzneimittelähnliche Produkte angeboten werden und offensichtlich ihre Käufer finden.

 

Viel wird über Möglichkeiten und Grenzen der Überwachung des Internets diskutiert. Dabei werden vor allem die Grenzen der Überwachungsmöglichkeiten sehr schnell deutlich. Die Angebote stehen oftmals nur kurz im Internet, die Vertreiber sind nicht ausfindig zu machen, oder polizeiliche Maßnahmen lassen sich aufgrund der ausländischen Anschriften in der Regel nicht vollziehen.

 

Als mögliche Lösung des Problems wird häufig auf die Notwendigkeit hingewiesen, die Verbraucher mehr als bisher über die Risiken des vermeintlichen Schnäppchenkaufs im Internet aufzuklären. Wenn auf diese Weise die Zahl der Käufe abnimmt, so die Theorie, werden sich die Anbieter von diesem Medium zurückziehen. Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Pressemitteilungen, Konferenzen und Broschüren, die genau diese Aufklärung zum Ziel haben. Doch bislang offensichtlich ohne großen Erfolg.

 

Es soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass auch die örtliche Arzneimittelüberwachung in Nordrhein-Westfalen erheblich mit der Überwachung des internationalen Arzneimittelvertriebs beschäftigt ist. Seit 2004 werden hier die Vorgänge der Amtsapothekerinnen und Amtsapotheker erfasst, um regelmäßig darüber berichten zu können, welche Produkte in welchem Ausmaß im Rahmen der Überwachung erkannt und als illegale Importe einklassifiziert werden. [1] Mit der kontinuierlichen Berichterstattung können Veränderungen und neue Gefährdungen erkannt werden.

 

Deutlich wird bereits aus dem kurzen Zeitraum der Beobachtung, Dokumentation, Analyse und Bewertung der bearbeiteten Fälle, dass im Internet immer neue Produkte angeboten werden, wenn auch die Inhaltsstoffe insgesamt weniger variieren. Trotz aller Bemühungen, die Bevölkerung über die erkannten Risiken nach klassischem Verfahren zu informieren und so zum Umdenken zu bewegen, ist der Erfolg gering. [2]

 

Denn dieses Umdenken ist nicht einfach zu bewerkstelligen. So wichtig es ist, die Bevölkerung über die Risiken zu informieren, es reicht offensichtlich nicht aus. Die vermeintliche Schnäppchenjagd im Internet nimmt immer größere Ausmaße an. Enttäuschungen über schulmedizinische Misserfolge, der Wunsch nach „zauberhaften“ Produkten und der Drang nach perfektem Funktionieren mögen drei der diversen Gründe für dieses irrationale Verhalten sein.

 

Dahinter stehen unter anderem gesellschaftliche Entwicklungen, die jeder bspw. bei einem Besuch der jährlich stattfindenden Bodybuilder-Messe in Essen erkennen kann. Dort wird demonstriert, was man alles aus seinem Körper machen kann. Unter der Hand werden auch die Bezugsquellen genannt, auf die zurückgegriffen werden kann, wenn man mit chemischen Mitteln nachhelfen will. Besonders nachdenklich macht es, wenn man auf der Messe Familien mit Kindern sieht, die auf diese Weise einerseits durch das Elternhaus, andererseits auch durch den Besuch einer solchen Messe beeinflusst werden.

 

Psychodrogen sind ein anderer Bereich. Auch auf diesem Gebiet tummeln sich die Anbieter, die ihre Produkte im großen Stil im Internet anbieten und offensichtlich an die Käufer bringen.

 

Mit unseren klassischen Überwachungsmethoden und auch mit unseren klassischen Aufklärungsmethoden sind wir an Grenzen gestoßen, und es ist wichtig, neue Wege zu finden. Dabei ist es hilfreich, über den Tellerrand zu schauen und von anderen Vorgehensweisen bei der Risikokommunikation und der Weiterentwicklung der „Gesundheitserziehung“ zu lernen. In diesem Zusammenhang ist sicherlich ein Blick auf die sehr erfolgreiche Anti-AIDS-Kampagne der achtziger und neunziger Jahre hilfreich.

 

Damals erkannte man die Gefahr, die durch die HIV-Übertragung für die Gesundheit der Bevölkerung drohte. Andererseits hatte man aber international erkannt, dass die bisherigen Gesundheitserziehungsmaßnahmen und Aufklärungskampagnen allein nicht ausreichen würden, um der drohenden Katastrophe zu begegnen. Die Überlegungen, wie man mit verbesserten Mitteln die betroffene Bevölkerungsgruppe zu einem vernünftigen Verhalten zur Verhinderung der sexuell übertragbaren Erkrankung anhält, fielen zusammen mit der Entwicklung der Gesundheitsförderung auf der Ebene der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

 

Im Jahre 1984 erarbeitete die WHO Regionalgruppe Europa das inoffizielle Grundlagenpapier zur Gesundheitsförderung, das auf der Konferenz im kanadischen Ottawa im Jahre 1986 als Ottawa-Charta verabschiedet wurde. [3] In diesem Papier sind erstmals die neuen Erkenntnisse der Gesundheitsförderung als offizielles Papier einer großen Organisation publiziert worden. Der Grundsatz der Ottawa-Charta ist folgender:

 

Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen.“ Es werden verschiedene Maßnahmen und Ebenen vorgestellt, wie dies umgesetzt werden kann und soll.[4]

In Deutschland war es die Anti-AIDS-Kampagne, die diese Grundsätze weitgehend erfolgreich umsetzte. Der Gesundheitswissenschaftler Rolf Rosenbrock hat den Wandel von der alten Aufklärung und Gesundheitserziehung zur Gesundheitsförderung einmal sehr schön zusammengefasst:

 

„Nach erbittertem politischen Streit konnte sich hier zunächst der New Public Health Ansatz gegen Old Public Health durchsetzen: Statt der alten Leitfrage „Wie identifizieren wir möglichst schnell möglichst viele individuelle Infektionsquellen und wie legen wir diese still?“ wurde gefragt: „Wie organisieren wir möglichst schnell, möglichst flächendeckend und möglichst zeitstabil Lernprozesse, mit denen sich Individuen, Institutionen und Gesellschaft mit einem Maximum an Prävention und einem Minimum an Diskriminierung auf das Leben mit dem bis auf weiteres unausrottbaren Virus einstellen können?“.[5]

 

Es ging also darum, Lernprozesse in Bewegung zu setzen, und zwar durch massive Unterstützung von Selbsthilfegruppen, durch Sozialpädagogen und Sozialarbeiter, die in den Lebensräumen (Settings) arbeiteten, in denen sich die Betroffenen hauptsächlich aufhielten. Natürlich auch durch massive Plakataktionen durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, durch Aktivierung von Prominenten, die sich für die Selbsthilfeeinrichtung Deutsche AIDS-Hilfe offiziell einsetzten. Alle möglichen Groß- und Kleinveranstaltungen wurden durchgeführt. Vor allem aber die vielen Gespräche mit Betroffenen haben die große Epidemie in Deutschland verhindert – weil man mit massiven finanziellen Mitteln den modernen Weg der Gesundheitsförderung gegangen ist.

 

Der Staat, hier die Bundesregierung, hatte Verantwortung jenseits des Arzneimittelgesetzes, des Seuchengesetzes oder des Sozialgesetzbuches übernommen, um die Gefahr zu bannen. Sie hatte entsprechend Geld in die Hand genommen, um mit modernen Mitteln der Pädagogik, der Psychologie, der Sozialwissenschaften und der damals noch rudimentär existierenden Gesundheitswissenschaften die Infektionsepidemiologen zu unterstützen und mit dem Problem fertig zu werden.

 

Anhand dieses Beispiels kann man sehen, was möglich ist. Dass jetzt wieder die Infektionszahlen steigen, liegt sicherlich daran, dass die antiviralen Mittel besser geworden sind und damit die Sorglosigkeit zugenommen hat. Es liegt aber wahrscheinlich auch daran, dass die derzeit eingesetzten finanziellen Mittel nicht ausreichen, um sich auf die Herausforderungen durch eine neue Generation von Betroffenen adäquat einzustellen.

 

Was bedeutet dies nun für den Bereich der illegalen Arzneimittel im Internet? Auch hier haben wir es mit einer – wenn auch sicherlich nicht so ausgeprägten – Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung zu tun, die weiter anwächst. Auch hier müssten im Idealfall multidisziplinäre Teams gebildet werden, wenn wir das Thema durch Initiierung von Lernprozessen nachhaltig in den Griff bekommen möchten. Entsprechend könnte man den Satz von Rosenbrock bezogen auf die Arzneimittel- und Internet-Problematik wie folgt umwandeln: „Statt wie bisher zu fragen: wie identifizieren wir möglichst schnell möglichst viele individuelle Angebotsquellen und wie legen wir diese still? sollte gefragt werden: Wie organisieren wir möglichst schnell, möglichst flächendeckend und möglichst zeitstabil Lernprozesse, mit denen sich Individuen, Institutionen und Gesellschaft mit einem Maximum an Prävention und einem Minimum an Diskriminierung auf das Leben mit den bis auf weiteres unausrottbaren illegalen Angeboten im Internet einstellen können und damit rational umgehen lernen?“

 

Auch hier muss der Staat wieder Verantwortung übernehmen und Geld in die Hand nehmen, um Maßnahmen der Gesundheitsförderung durchführen zu können, die die Menschen erreichen und die die Menschen in die Lage versetzen, das Problem der illegalen Mittel als das Problem für sich selbst zu erkennen und Schritte aus diesem Weg heraus zu unternehmen. Es gibt sicherlich schon vereinzelt gute Ansätze. Zu erinnern ist an Projekte der Sporthochschule Köln, die versucht, in Bodybuilding-Clubs von Jugendlichen mit entsprechend sozialwissenschaftlich, psychologisch und sozialpädagogisch ausgebildeten Teams entsprechende Arbeit zu leisten. [6] So wird man auf Dauer eher den Erfolg haben, den man sich wünscht, nämlich: die Menschen gegen diese Versprechungen aus dem Internet immun zu machen und sozusagen zum Safer-Internet-Surfing zu befähigen.

 

Sicherlich ein mühsamer Weg, aber ein Weg, der sich lohnt und der auf Dauer ein Weg ist, der Menschen in die Lage versetzt, vernünftig mit irrationalen Angeboten umzugehen – und zwar im Sinne der Gesundheitsförderung nach den Vorgaben der Ottawa-Charta.

 

Was kann die Überwachung in diesem Zusammenhang als ersten Schritt leisten? Auf der Jahrestagung der Arzneimittelüberwachung 2008 in Saarbrücken konnten die Vortragenden eine Menge Erkenntnisse über den illegalen Arzneimittelmarkt präsentieren. Wichtiges Ergebnis: in Zukunft sollen die Überwachungsmaßnahmen und die Analysemethoden der Produkte weiter verfeinert werden. Darüber hinaus sollten im Sinne der Ottawa-Charta aber auch Wege beschritten werden, diese Erkenntnisse in Projekte zur Gesundheitsförderung einzubinden. Es kommt darauf an, die Ergebnisse transparent zu machen, zu veröffentlichen und eine Mitarbeit in Netzwerken anzubieten, um diese Erkenntnisse mit denen anderer Professionen zu verknüpfen.

 

Konkret wäre wünschenswert, wenn es gelänge, einmal im Jahr oder in einem anderen Rhythmus die Überwachungsergebnisse zusammenzufassen, eine Tagung dazu zu veranstalten und sie auf dieser Tagung mit anderen Professionen, die auf dem Gebiet der Risikokommunikation und Gesundheitsförderung arbeiten, zu beraten. Vielleicht wäre es auch sinnvoll, bei diesen Veranstaltungen nur ein oder zwei Themen in den Vordergrund zu stellen. Dann wäre sicherlich ein Schritt getan, um einem Kernanliegen der Ottawa-Charta gerecht zu werden, nämlich die Gesundheitsdienste auf Gesundheitsförderung hin neu auszurichten. Mit Gesundheitsdiensten sind auch die Überwachungsdienste der Länder gemeint. Mit einer kontinuierlichen Berichterstattung und einer Einbindung in Strukturen der Gesundheitsförderung könnte die Arzneimittelüberwachung einen wichtigen Schritt gehen und die bekannten Pfade der Überwachung und Gesundheitserziehung durch neue Wege der Gesundheitsförderung ergänzen.

Referenzen

  1. z.B. www.loegd.de/.../arzneimittelimporte-nutzen-risiken_050302.pdf
  2. deutsche Kurz-Übersetzungen von Warnungen anderer Überwachungsbehörden des In- und Auslands finden sich unter: www.loegd.de/arzneimittelsicherheit/sozialpharmazie/sopha-news
  3. www.euro.who.int/AboutWHO/Policy/20010827_2?language=German
  4. Eine gute Übersicht über die Gesundheitsförderung bietet das Glossar der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung, BZgA: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.): Leitbegriffe der Gesundheitsförderung. Glossar zu Konzepten, Strategien und Methoden der Gesundheitsförderung. 4. erweiterte und überarbeitete Auflage 2003, 6. Auflage (unveränderter Nachdruck), Schwabenheim a.d. Selz 2006, Fachverlag Peter Sabo. Eine erste Annäherung findet sich auch unter de.wikipedia.org/wiki/Gesundheitsförderung
  5. Rosenbrock R (1998); Die Umsetzung der Ottawa-Charta in Deutschland. Prävention und Gesundheitsförderung im gesellschaftlichen Umgang mit Gesundheit und Krankheit. Veröffentlichungsreihe der Arbeitsgruppe Public Health. Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. P98-201
  6. S. auch: Bräutigam, B., Sauer, M.: Dopingdimensionen und Medikamentenmissbrauch. Handlungsfelder für die Prävention. Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Münster (2004).


Abgedruckt im Rundbrief 77

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